Erinnerungsbuch für Sant’Anna di Stazzema

Das Jahr 2014 stand an vielen Orten in Italien und namentlich in der Toskana im Zeichen des Gedenkens an die 70 Jahre zuvor verübten Verbrechen von SS und Wehrmacht an der Zivilbevölkerung. Marzabotto, Civitella in Valdichiana und schließlich Sant’Anna di Stazzema waren die Orte, an der Hitlers Schergen am schlimmsten gewütet haben. Heute wird Sant’Anna  an erster Stelle genannt, weil dort - eine Zahl, auf die man sich nach gründlichen Recherchen verständigt hat - 560 unschuldige Menschen grausam ermordet wurden. 

Was aber sind Zahlen gegen die einzelnen Schicksale? In dem gerade erschienen Buch „Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema“ schildert einer der Überlebenden, Enio Mancini, was am 12. August 1944 in den Bergen oberhalb von Pietrasanta und Camaiore geschah. Neben den Einheimischen hatten dort Frauen und Kinder aus der Ebene Zuflucht vor den Kriegsauseinandersetzungen gesucht. Die Amerikaner standen bereits bei Pisa. Damals gab es noch keine Straße sondern Maultierpfade hinauf zu den verstreuten Gehöften. Die 16. SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“, die von Gebirgsjägern abgesichert wurde, nahm den mühseligen Weg auf sich, begleitet von italienischen Trägern, die sie erschossen, als sie oben angekommen waren. Das Gebiet von Sant’Anna wurde in den frühen Morgenstunden regelrecht umzingelt und dann durchkämmt. Mancini schildert eindrücklich, was dann geschah. Die Menschen wurden aus den Häusern geholt und ohne Vorwarnung erschossen. Es gab aber auch Ausnahmen: SS-Leute, die die Menschen in den Wald führten, in die Luft schossen und signalisierten: „Haut ab!“. Sage also niemand, es sei nicht möglich gewesen, grausame Befehle zu verweigern. Da die SS überzeugt war, dass irgendwo die jungen Männer des Ortes versteckt sein mussten, verlangten sie vom Pfarrer, das Versteck preis zu geben und erschossen ihn dann zusammen mit den zusammengetriebenen Alten, Frauen und Kindern vor der Kirche.

In dem Buch, das die Rechtsanwätlin Gabriele Heinecke, die Journalistin Christiane Kohl und die Musikerin und Initiatorin der Vereinigung „Freunde der Friedensorgel Sant’Anna di Stazzema“, Maren Westermann, herausgegeben haben, geht der Zeithistoriker Carlo Gentile vom Martin-Buber-Institut der Universität Köln, ein Kenner der Quellen zu dem Massaker, auch der Frage nach dem „Warum“ nach. Die SS-Leute hielten Sant’Anna di Stazzema für ein Partisanennest. Wenige Tage zuvor war es oberhalb des Dorfes zu einem Gefecht mit Partisanen gekommen, bei dem vier Deutsche verwundet wurden. Die SS-Panzergrenadier-Division „Reichsführer SS“ hatte bereits eine Spur grausamer Vergeltung hinterlassen, jetzt sollte es noch schlimmer kommen. Dabei halfen italienische Kollaborateure. 

Ein trauriges Kapitel, das Gabriele Heinecke beleuchtet, ist die juristische Aufarbeitung. In Italien wurden in den ersten Jahren nach dem Kriege einzelne Täter zur Rechenschaft gezogen. Doch dann tat sich ein halbes Jahrhundert lang nichts. Ein Aktenschrank mit den einschlägigen Dokumenten wurde bewusst vergessen, mit der Türseite zur Wand gestellt. Erst als Christiane Kohl, damals Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in Rom, nach Sant`Anna kam, Enio Mancini kennenlernte und eine Reportage schrieb, gerieten die Kriegsverbrechen von 1944 wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. 2004 besuchte der deutsche Innenminister Otto Schily mit seinem italienischen Amtskollegen Sant’Anna. Erst 2005 kam es in La Spezia bei einem mittlerweile eingeleiteten Prozess zur Verurteilung einiger Tatbeteiligten - in deren Abwesenheit. Eine Auslieferung gab es nicht. Die Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart nahm sich erst spät und offenbar unwillig des Themas an und stellte dann 2012 das Verfahren gegen letzten prozessfähigen Beteiligten Gerhard Sommer, der in in einem Seniorenwohnheim in Hamburg-Volksdorf lebt, ein. Und zwar endgültig, wie auch Bundespräsident Joachim Gauck mit Bedauern registrierte, als er 2013 zusammen mit seinem italienischen Amtskollegen Sant’Anna di Stazzema besuchte. Gabriele Heinecke spricht von einer „Generalamnestie durch biologische Lösung“. Als das Buch schon in Druck war, dann die überraschende Nachricht: Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat die Einstellung zurückgenommen und das Verfahren gegen Sommer nach Hamburg weiter geleitet. Die dortige Justiz will sich rasch der Sache annehmen. Christiane Kohl, heute Ehrenbürgerin von Stazzema, bringt es auf den Punkt, warum die juristische Verfolgung trotz des hohen Alters des letzten Überlebenden notwendig ist: Als „Chance für eine Versöhnung im vollen Bewusstsein der geschehenen Taten“.

Erfreulicher sieht es mit der deutsch-italienischen Versöhnungsarbeit aus. Viele Jugendgruppen und Schulklassen haben die Stätten des Gedenkens besucht und sich aktiv eingebracht. Auf diese Weise erfuhr auch Maren Westermann von dem, was einst in den Bergen der Versilia geschah und gründete die deutsch-italienische Gesellschaft „Freunde der Friedensorgel Sant’Anna di Stazzema“, die Gelder für eine neue Orgel - die SS-Leute hatten die alte zerstört - sammelte, die dann 2007 eingeweiht wurde. Seither geben dort namhafte Musiker aus Deutschland und Italien im Sommer unentgeltlich Konzerte, darunter auch Uraufführungen wie 2012 die Komposition „Gilgul“ von Luca Lombardi, einen der bedeutendsten lebenden Komponisten Italiens. Sein deutscher, nicht weniger namhafter Kollege Jan Müller-Wieland brachte 2014  die „Musik für eine Kirche“ zur Uraufführung. Beide haben unentgeltlich komponiert. 2014, zum 70. Jahrestag kam ein großes Konzert mit dem Orchester der Toskana und dem Münchener Bach-Chor in der „Versiliana“ von Pietrasanta hinzu. Als die Initiatoren 2014 zusätzlich ein Konzert in Falzano di Cortona, ebenfalls ein Ort der Grausamkeiten, gaben, stellte der junge Bürgermeister von Cortona die Frage, warum die Erinnerungsarbeit 70 Jahre danach stärker sei als die Jahre vorher. Seine Antwort: Weil wir spüren, dass die letzten Zeitzeugen beim nächsten runden Gedenktag wohl nicht mehr unter uns sein werden. Um so wichtiger, dass Erinnerungen wie die von Enio Mancini festgehalten werden.

Ulrich Rosenbaum


Gabriele Heinecke, Christiane Kohl und Maren Westermann (Hrsg.)

Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema

Mit den Erinnerungen von Enio Mancini

144 Seiten, € 19, ISBN 978-3-944233-27-7

Laika Verlag, Hamburg


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